Wie alles begann oder auch: Planlos geht mein Plan los

Geschrieben von Joana Heinen, Gründerin und Creative Director von Heinen Lovebrands. 

2011 – noch während der Ausbildung zur Fotografin startete ich mit 21 Jahren den Blog „Odernichtoderdoch“, um meine Selbstportraits zu veröffentlichen und nächtelang nach dazu passenden Songtexten zu suchen, anstatt für die Gesellenprüfung zu lernen. 

Am 1. September 2011 begann ganz offiziell der erste Tag meiner Selbstständigkeit. Als Grundlage hatte ich nicht mehr als meinen Dickkopf, eine Facebookseite, eine Kamera mit zwei Objektiven und ein WG Zimmer. Es gab keinen Plan B, also musste das so funktionieren.

Unter dem Namen „Lichtpoesie“ fotografierte ich viele Mädels, die mich über Facebook fanden – aber die Auftragslage war mau, also fotografierte ich mich selbst. So wuchs der Blog „Odernichtoderdoch“ neben der Facebookseite „Lichtpoesie“. Das eine war vor, das andere hinter den Kulissen. Ich schrieb über meine Ängste und Sorgen während dieser harten Zeit, in der ich mir nicht so ganz sicher war, wie es weitergehen sollte.

Als ich Niklas kennenlernte, der damals mitten im Jura Studium steckte, kam etwas Struktur in meine Chaoswelt. 

2012 und 2013 brachte ich ihm fotografieren bei und wir machten täglich Outfitbilder für den Blog oder überlegten uns tolle Aktionen und Workshops für Lichtpoesie. Wir wurden ein richtiges Team und für Niklas rückte Jura immer weiter in den Hintergrund.

Es begann in meinem WG Zimmer, dann in einer Studiogemeinschaft am Hafen, in einem Zimmer in Niklas Wohnung mit der ersten Praktikantin und dann auf einmal in einem Großraumbüro über den Dächern von Münster am alten Fischmarkt, geteilt mit einem Blogger-Plattform-Startup.

In all den Jahren haben wir jeden Cent und jede Minute in Lichtpoesie und Odernichtoderdoch gesteckt. In der Staatsexamensphase haben wir kaum geschlafen, die Doppelbelastung hat uns beide stark mitgenommen. Wir hatten keine Freizeit und kaum Schlaf. Nächtelang war ich alleine in diesem großen Büro und bin erst im Morgengrauen mit den letzten feierwütigen Studenten durch die Stadt zu Fuß nach Hause gegangen. Wir haben am Wochenende zusammen Hochzeiten fotografiert und gründeten neben Lichtpoesie und Odernichtoderdoch die Agentur 100TAUSENDLUX, um neben den Portraitshootings auch gewerbliche Kampagnen zu fotografieren. 

Wir zogen in unser erstes Studio, das uns damals riesig vorkam. Niklas und ich, Nat unsere Jahrespraktikantin und Melisa, unsere erste festangestellte Fotografin.

Wir kannten das Ikeasortiment nach all den Jahren auswendig und stellten regelmäßig neue Rekorde auf, wie viele Möbel in einen VW Polo passen. Wir arbeiteten in Nächten vor Workshops gegen die Zeit, um rechtzeitig alle Möbel aufzubauen, Präsentationen zu erstellen und Muffins zu backen. Geschafft haben wir es immer. Irgendwie musste es ja gehen.

Ende 2014 wollte ich für Lichtpoesie Visitenkarten erstellen und stöberte auf der Website einer Online Druckerei. Hier konnte man ja alles drucken – sogar Schreibtischunterlagen! Aus einer Laune heraus bastelte ich mir in Photoshop ein Design für eine Schreibtischunterlage und bestellte 40 Stück – das war die Mindestauflage. Jeder von uns bekam eine und nach Weihnachten stellten wir die restlichen Unterlagen einfach in den Lichtpoesie Shop.

Wir verkauften 120 Schreibtischunterlagen an einem Tag, denn wir hatten vergessen, den Bestand auf 36 zu setzen.

Wir bestellten online mutig weitere 500 Stück und warteten tagelang auf die Lieferung der Unterlagen – genau wie die Leute, die diese bestellt hatten und langsam ungeduldig wurden.

Es kam nichts. Es stellte sich heraus, dass ich die Datei gar nicht hochgeladen hatte…

Wir suchten verzweifelt nach einer regionalen Druckerei, die uns GANZ SCHNELL Schreibtischunterlagen drucken konnte. Wir bestellten 500 (die Mindestauflage) in dem Glauben, dass man die Online-Bestellung stornieren konnte. Ging aber nicht. Also bekamen wir im Januar 2015 EINTAUSEND Schreibtischunterlagen in unser kleines Büro geliefert.

Wie verschickt man eigentlich so ein plattes, großes Ding mit der Post? Darüber hatte ich mir keine Gedanken gemacht. Wir testeten alles – von Styroporplatten, Luftpolsterfolie bis Packpapier, bis wir endlich passende Versandumschläge im Internet fanden. 

Und gehörte die Unterlage jetzt zu Odernichtoderdoch oder Lichtpoesie? Irgendwie passte das so gar nicht mehr zu der Fotografie und war etwas ganz ganz neues…

Die Schreibtischunterlage passte weder auf den Fotografie Account noch meinen persönlichen Blog, das Online Magazin. Ich erstellte also einen eigenen Odernichtoderdoch Instagram Account und schrieb alle Blogger-Freundinnen an, die ich in der letzten Zeit kennengelernt hatte. Ich schickte ihnen Schreibtischunterlagen als Geschenk, im Austausch gegen ein Foto auf Instagram, Facebook, ihrem Blog oder der privaten WhatsApp Gruppe. Ganz egal – aber wir mussten jetzt diese Schreibtischunterlagen verkaufen. Das waren ohne es zu wissen die ersten Schritte in Richtung Influencer Marketing.

Auf einmal ging alles schnell. Die Schreibtischunterlagen waren beliebt und schnell wurde nach mehr Produkten gefragt. Es entstanden kleine Blöcke und Postkarten – „mach ich, nur nicht heute“, „aufgeschrieben ist halb erledigt“, „auf dem Papier ist aus dem Kopf“ und die Einkaufsliste „Wurst ist alle“. Alles war learning by doing – ich hatte nie etwas in der Richtung gelernt und ich war froh, als wir dann Judith als erste Mediengestalterin mit im Team hatten, die meine Ideen und Entwürfe druckbar und professionell umsetzen konnte.

Es gab jetzt also Lichtpoesie mit Privatshootings, die Agentur 100TAUSENDLUX mit gewerblichen Aufträgen, mein Online Magazin Odernichtoderdoch, eine völlig neue Produkt- und Instagramwelt von Odernichtoderdoch und die damit zusammenhängenden neuen Aufgaben wie Kundenservice oder Logistik, Influencer Marketing und und und. Wenn ich mich jetzt zurück erinnere, weiß ich nicht mehr, wie wir das damals alles gemacht haben. 

Das Jahr 2015 war ein hartes Jahr. Alles hat sich schneller entwickelt, als wir hinterherkamen. Es gab immer mehr Produkte, die Community wurde schnell größer und damit stieg auch die Anzahl der Bestellungen rasant. Als der Poststreik ausbrach und ich neben der Fotografie, dem Blog, dem Kundenservice, den Bloggerpaketen und Agenturaufträgen bei auch noch meinen Ausbilderschein machte, stand ich kurz vor einem Zusammenbruch. Das war einfach zu viel. Wir brauchten schnell Hilfe und so wuchs unser Team schneller und schneller. Wieder zu Ikea, wieder einen neuen Schreibtisch, wieder alles umräumen – und wieder ein neues, größeres Büro suchen. Für Niklas und mich wuchs die Verantwortung mit jedem Tag.

Unser erstes Lager war ein kleiner Raum auf einem Hinterhof und so hässlich unfotogen, dass wir es nie gezeigt haben. Vom Büro bin ich erst 2x pro Woche und später täglich hingefahren, um Bestellungen zu packen. Schon zu diesem Zeitpunkt habe ich kaum noch fotografiert. Die neue Welt von Odernichtoderdoch hat mich komplett in ihren Bann gezogen.

Das Weihnachtsgeschäft 2015 und unser erster Abenteuerkalender hat uns richtig gefordert und auch richtig Nerven gekostet. Weil alles ziemlich schief ging – das würde hier aber den Rahmen sprengen. Wir haben nächtelang gepackt, jeden Seidenpapierbestand aller Bastelläden im Umkreis leergekauft und uns nur noch von Keksen und Pizza ernährt.

2016 brachte ein neues Büro mit integriertem Lager, ein noch größeres Team und Marken-Zuwachs: Neben Odernichtoderdoch gründeten wir Jo&Judy, die internationale Schwestermarke von Odernichtoderdoch. Etwas schicker, etwas schlichter, etwas erwachsener und so ganz ohne die charakteristische Selbstironie von Odernichtoderdoch. Als Designteam und natürlich auch als Liebhaber von schönen Kalender und Co konnten wir uns jetzt in unterschiedlichen Stilen ausleben.

Aber auch hier dachten wir wieder mal, wir hätten ewig Platz. Bereits nach ein paar Monaten mussten wir einsehen, dass Anlieferungen von Paletten im 1. Stock nicht so gut funktionierten. Wir gründeten unsere eigene Logistik Gesellschaft Boxes&Bows und richteten uns ein richtiges Lager in Münsters Industriegebiet ein. Mit Hochregalen und richtigem Gabelstapler. Jetzt wurde es richtig ernst. Ende 2016 haben wir unter das Kapitel Lichtpoesie einen Schlussstrich gezogen, 2017 haben wir die letzten Aufträge für die Agentur 100TAUSENDLUX angenommen. Man kann einfach nicht alles gleichzeitig machen und so haben wir uns auf das konzentriert, was uns am meisten Spaß gemacht hat: Eigene Produkte mit und für die Community von Odernichtoderdoch und Jo&Judy entwerfen.

Auch wenn unsere eigene Logistikfirma Boxes&Bows in den sozialen Medien nur selten auftaucht, ist das doch ein Herzstück unserer Marken. Hier arbeiten in Hochphasen bis zu 150 liebevolle Packelfen daran, dass alle Pakete hübsch verpackt bei euch ankommen. All die fleißigen Menschen hinter den Kulissen, ohne die wir nicht da ständen, wo wir heute stehen.

Zwischenzeitlich dachten wir, dass alle Marken sich einzeln entfalten und ausleben müssen – darum waren wir räumlich in ganz Münster verteilt. Dass das logistisch und auch für das Team nicht die beste Lösung war, haben wir dann 2018 bemerkt und diesen Schritt wieder rückgängig gemacht. Wir sind ein Team. Wir arbeiten miteinander und beflügeln uns gegenseitig mit unseren Ideen und unterschiedlichen Stilen. 

Jetzt 2019 sind wir die Heinen Lovebrands GmbH – dazu gehören die Marken Odernichtoderdoch und Jo&Judy und vielleicht ja irgendwann noch mehr. Wir sind chaotisch und nicht angekommen, sondern auf dem Weg. Wir lieben das, was wir tun – und zwar gemeinsam.

Selbst jetzt fällt es mir schwer, diese Story einheitlich und schön verständlich und bebildert niederzuschreiben. Ich muss mich glaub ich davon lösen, dass alles ein schönes Gesamtbild ergibt. Es war ein turbulentes Durcheinander, wir haben viele Dinge gleichzeitig angefangen, Chancen ergriffen, mutig aber auch hier und da blauäugig gehandelt und teilweise mehr Glück als Verstand gehabt.

Ich habe ganze Ordner voller Handybilder aus der Zeit, die unter die Kategorie „das kannste echt keinem zeigen“ fallen. Immer wieder fallen mir Geschichten ein und ich denke mir: „Oh man. Was wir alles schon gemacht haben…“

Unsere Geschichte ist nicht gerade, aber ein großes Abenteuer – und noch lange nicht vorbei.